#1

»Papa war voll eklig«

in Satire & Fun 23.12.2010 10:39
von DonJackus • Der Hochwohlgeborene Edle | 2.573 Beiträge

»Papa war voll eklig«

Wiglaf Droste
Eben noch von Focus zum »Mann des Jahres« ernannt und, leicht kryptisch, als »konservativer Erneuerer« gefeiert, muß sich Karl Theodor zu Guttenberg von seinen politischen Ambitionen verabschieden. Der Bundesverteidigungsminister wurde, von Maschinenpistolengarben durchsiebt, tot in seinem Haus aufgefunden. Seine beiden Töchter, acht und neun Jahre alt, sind voll geständig.

Es geschah nach der Kerner-Sendung. Karl-Theoder zu Guttenberg und seine Frau Stephanie, geborene Bismarck, sahen gemeinsam mit ihren beiden Töchtern Nora-Jacqueline (9) und Sandra-Pascale (8, beide Namen geändert) den Auftritt des Ministers mit Kerner in Afghanistan an. Die Töchter waren müde und quengelten, sie wollten lieber ins Bett – schließlich müßten sie ja anderntags zur Schule. Doch die Eltern, strenge Konservative, blieben fest. Diese Sendung sei wichtig, schärften sie ihren Töchtern ein und rüttelten sie auch jedesmal wach, wenn eine der Kleinen übermüdet einschlief.

Vater zu Guttenberg hatte aus Afghanistan die Maschinenpistole eines getöteten deutschen Soldaten mitgebracht und erklärte seinen Töchtern die Waffe. Als diese darum baten, lieber schlafen oder wenigstens im Bett mit ihren Puppen spielen zu dürfen, eskalierte die Situation zum ersten Mal. Guttenberg schnauzte seine Töchter an: »Das sind Helden! Deutsche Helden! Und ihr schaut euch das an!« Mutter Stephanie sekundierte: »Euer Papa ist auch ein deutscher Held! Seid stolz auf ihn, sonst gibt es morgen Senge statt Nachtisch!«

Die Kinder zogen einen Flunsch und ließen die Talmi-Orgie ihres Erzeugers und des Speichelfäden ziehenden Moderators über sich ergehen. Guttenberg betrachtete angelegentlich seinen Fernsehauftritt, runzelte die Stirn, schritt zu einer der vielen Spiegelwände seines Hauses und machte einen Frisurenabgleich. Die Kinder nutzten die Gelegenheit, um aus dem Fernsehzimmer zu entwischen – doch Vater und Mutter Guttenberg fingen die ungezogene Brut justament wieder ein und setzten sie mit harter Hand ins Sofapolster. »Es wird geguckt, was auf den Tisch kommt!«, brüllte zu Guttenberg; den Kindern wurde langsam mulmig zumute.

»Papa sah aus wie einer von den Männern, von denen uns Mama immer erzählt«, sagte Nora-Jacqueline später bei der von ihrer Mutter Stephanie zu Guttenberg, geborene Bismarck, rasch einberufenen Pressekonferenz. »Er hat ganz böse geguckt, und Mama hat uns doch gesagt, daß es Männer gibt, die gemein zu Kindern sind.« Schwesterchen Sandra-Pascale ergänzt: »Mamas Sendungen mußten wir auch immer anschauen. Danach hatten wir immer solche Angst. Aber Mama hat gesagt, das muß sein. Wegen später einmal.« Sie beginnt zu weinen.

Ihre ältere Schwester wirkt gefaßt. »Papa war so peinlich«, erklärt Nora-Jacqueline. »Immer hat er uns erzählt, daß er Mama auf der Love Parade kennengelernt hat. Und uns AC/DC vorgespielt. Aber als er uns ins Internet gestellt hat, wurde es ganz schlimm.« Die Neunjährige liest einen Computerausdruck vor: »›Eine meiner kleinen Töchter, der ich versuchte, diesen Karfreitag und meine Trauer zu erklären, fragte mich, ob die drei jungen Männer tapfere Helden unseres Landes gewesen seien und ob sie stolz auf sie sein dürfte. Ich habe beide Fragen nicht politisch, sondern einfach mit ja beantwortet.‹ Das hat Papa geschrieben. Aber wir haben ihn das nie gefragt. Nie! Und wir wollten selber auch keine Helden werden.«

Sandra-Pascale schnieft: »Dann ging alles ganz schnell. Papa wurde rot und hat gebrüllt, wir müßten unsere Eltern ehren, sie wären für uns so etwas wie Joseph und Magdalena. Wir haben das nicht verstanden, aber er sah voll eklig aus, und da haben wir richtig Angst gehabt, und Nora hat dann …«

»Bist du wohl still!«, zischt Mutter Stephanie zu Guttenberg geborene Bismarck ihre Tochter an und erklärt die Pressekonferenz für beendet. Die Beerdigung ihres Gatten soll im größten Medienkreis stattfinden, seine Frisur aber der Nachwelt erhalten bleiben und in einem verglasurierten Schrein ausgestellt werden. Ihre Sendung bei RTLII möchte Stephanie zu Guttenberg. geborene Bismarck. »unbedingt behalten«. Als privater Nachfolger bei der lustigen Witwe sind Kai Diekmann und Tim Wiese im Gespräch.



Wiglaf Droste und junge Welt beginnen mit diesem Text ein in der jüngeren Pressegeschichte ungewöhnliches Experiment: Der Dichter, Schriftsteller und Sänger wird ab heute täglich in jW einen Beitrag zu aktuellen Ereignissen und Vorgängen veröffentlichen, ohne an ein Genre gebunden zu sein – vom Zweizeiler bis zum zwei Druckseiten umfassenden Essay.


Der 1961 geborene Droste gilt als einer der am präzisesten formulierenden Autoren der Bundesrepublik. Als er 2005 den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis erhielt, lobte die Jury Umfang und Qualität seines Werkes, das »für einen satirischen deutschsprachigen Autor seiner Generation einmalig sein dürfte«. Der Essayist der Süddeutschen Zeitung, Willi Winkler, bezeichnete Droste wegen seines »Garantiert ins Schwarze«-Treffens als »den Tucholsky unserer Tage«.


Zuletzt erschien von Wiglaf Droste u.a. in der Edition Tiamat »Das Sparadies der Friseure: Eine kleine Sprachkritik« . Im Januar 2011 wird ebenda der Band »Auf sie mit Idyll: Die schöne Welt der Musenwunder« veröffentlicht.

Den Artikel finden Sie unter: http://www.jungewelt.de/2010/12-18/055.php

(c) Junge Welt 2010

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zuletzt bearbeitet 23.12.2010 10:41 | nach oben springen

#2

RE: »Papa war voll eklig«

in Satire & Fun 27.12.2010 12:00
von EarAche • The Undertaker | 2.152 Beiträge

Um es mit einem neumodischen Bonmot oder besser widerlichen aber angesagten Anglizismus 2.0 unseres legendären Psy zu kommentieren: * rofl *


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zuletzt bearbeitet 27.12.2010 12:01 | nach oben springen


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